kunstwerk des Monats

Begegnung

Zum Kunstwerk „Begegnung“

 

Den Auftakt zu diesem Kunstwerk bildet der stilisierte Buchstabe „“ (Tau), der sowohl mit dem griechischen als auch mit dem hebräischen Alphabet in Verbindung gebracht wird. Er ergibt sich aus der Aussparung der Augen- und Nasenpartie des scheinbar vordergründigen Antlitzes. In der Bibel wie auch in der Kunstgeschichte ist das als Symbol verwendete bedeutungsvoll. Durch unterschiedliche biblische Bezüge hat es die Bedeutung eines Heilszeichens erlangt.

Jenes Zeichen hat Franziskus während eines Gottesdienstes beim Hören eines Textes aus der Bibel als das „Verbindungszeichen“ für Christen erkannt. Deshalb wählte er das als franziskanisches Erkennungszeichen, sozusagen als Segens- und Friedenszeichen für seinen neu gegründeten Orden. Er malte es an Wände, ritzte es in Baumrinden und setzte es wie ein Siegel unter seine Briefe. Das ist in der Gegenwart immer noch das Symbol für die franziskanische Familie. Sie bezeugt damit ihre Verbundenheit zum Ordensgründer Franziskus und zu Jesus Christus. Noch heute kann man in Fonte Colombo, einer Einsiedelei im Rietital, das rote sehen, das Franziskus selbst dorthin gemalt hat. Ebenso ist ein mit dem unterschriebener Segensspruch an seinen Bruder Leo erhalten, der in Assisi aufbewahrt wird. Bruder Leo trug diesen Brief, der ihm Kraft und Trost spenden sollte, bis zu seinem Lebensende ständig bei sich.

Das Kunstwerk mit dem Titel „Begegnung“ ist in Erinnerung an ein spirituelles Erlebnis, an eine über 30 Jahre zurückliegende Begegnung in einer franziskanischen Kirche entstanden. Im Laufe der Jahre hat es sich immer wieder verändert: Zunächst war das Werk ein Relief aus Ton in Form eines Gesichts. Danach wurde es in Gips gegossen. Bei der weiteren Bearbeitung wurde es mit unterschiedlichen Strukturpasten und Pigmenten in Verbindung mit Acrylbindern bearbeitet. Über viele Jahre im Freien gelagert, hat es eine dicke Patina angesetzt. Nach einem Sturz von einem Tisch landete es weitgehend unversehrt auf einem weichen Untergrund, wobei sich die obere patinierte Strukturschicht vom Trägermaterial Gips abgelöst hat. Durch das Aufkleben der abgelösten filigranen Stücke auf einen schwarzen Hintergrund hat eine Erneuerung stattgefunden. Die Tiefe des Erlebnisses spiegelt sich nun im künstlerischen Ausdruck wider. Somit ist das Kunstwerk in zweifacher Weise etwas, was einer Begegnung zugrunde liegt: Zum einen das spirituelle Erlebnis in einer Kirche, wonach zunächst das Gesicht in plastischer Form entstand, und zum anderen der Transformationsprozess, bei dem in der abgelösten Schicht das franziskanische deutlich geworden ist. Durch die Aussparung des Tiefenraumes ist in dem Antlitz eine Immaterialität entstanden, die eine spirituelle Dimension betont. Diese neue künstlerische Sichtweise provoziert eine andere Art der Auseinandersetzung. So kann beispielsweise auf den bekannten expressionistischen Künstler Alexej von Jawlensky Bezug genommen werden. Seine letzten kleinen Bilder nannte er Meditations- oder Heiligenbilder, da in diesen das „“ oder auch das „T“ und das Kreuz dominieren, je nachdem von welcher Sichtweise ausgegangen wird. Man nennt sie die Ikonen des 20. Jahrhunderts.

Kunst ist die Sehnsucht zu Gott“, so drückte Jawlensky das aus, was er Kunst nannte. Seine Betrachtungsweise ist zu verstehen, da bekannt ist, dass er die letzten seiner Kunstwerke mit tiefgehenden inneren Emotionen gemalt hat. Goethe hat es so formuliert: „Es muss von Herzen kommen, was auf Herzen wirken soll“. Das Bild, das hier und jetzt in der Erphokirche präsentiert wird, möge die Herzen ansprechen.

Künstler/in: 
Mechtild Bickmann
Datum: 
06.2018
Material & Größe: 
Mischtechnik 50X53 cm

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