Ansprache Karfreitag 2026
Mit meinen Freunden spiele ich regelmäßig Doppelkopf. Wir treffen uns dann meist in der Stadt und fahren in der Regel mit dem Fahrrad dorthin. Aber es kommt auch schon mal vor, dass ein Freund, der in Wolbeck lebt, mich mit dem Auto abholt. „Ich hab‘ heute wieder Bereitschaft“, lautet dann die Begründung. Aber da fahre ich natürlich gerne mit. Auch wenn es bei diesen Gelegenheiten bislang nie zum Ernstfall kam, grundsätzlich hält er sich dann aber bereit, loszufahren und im Fall der Fälle einsatzbereit zu sein – wenn es gefordert ist, die von ihm verlangten Aufgaben zu erfüllen. Ein anderer Freund ist Arzt im UKM, in der Uniklinik, da verhält es sich genauso. Sie selbst werden sicher auch einige Menschen kennen, deren Beruf zwischendurch einen solchen Bereitschaftsdienst vorsieht.
Wir nutzen Ausdrücke mit dem Adjektiv „bereit“ aber bei Weitem nicht nur in beruflichen Zusammenhängen. Im sportlichen Kontext, meist in Verbindung mit Wettkämpfen, können Trainer fragen: „Bist du bereit?“, bevor es dann heißt: „Auf die Plätze, fertig, los!“ Und wenn es im Vorfeld von Prüfungen, Arbeiten oder Klausuren ernst wird, dann fühlen wir uns bereit – oder vielleicht auch doch nicht ganz. Auf jeden Fall aber haben wir Vorbereitungen getroffen. Wir haben viel getan, waren aktiv und haben gelernt, damit es am Stichtag klappt. Wir bereiten uns auf etwas vor, und wenn der Tag dann da ist, dann sind wir idealerweise bereit. Und stellen wir uns einmal vor, eine gute Freundin oder ein guter Freund befindet sich in einer Krise und benötigt zum Beispiel in einem Gespräch unsere Unterstützung. Dann gilt es hier besonders, zugewandt, empfangsbereit zu sein, für die Themen und Gedanken, die sie oder er uns mitteilen möchte.
Der Karfreitag ist für mich seit jeher ein Tag, an dem ich mir unter anderem die Frage stelle: „Bin ich bereit?“ In meiner Kindheit war er immer ein schwerer Tag, und er hat auch heute noch etwas von einer Last, von einer Bürde. Traditionell wird in der katholischen Kirche heute die Möglichkeit der Beichte geboten. Die Vorbereitung darauf, also das sich Bereitmachen, fällt mir auch immer schwer, genauso wie die Beichte selbst. Das ist für mich kein leichter Akt. Er soll es vielleicht auch nicht sein, weil wir uns dabei ganz stark und bewusst mit uns selbst auseinandersetzen. Und mit allem, was uns an unserem Verhalten nicht gefallen hat, aber auch mit unseren Sorgen und Ängsten dürfen wir dann in den direkten und ganz bewussten Dialog mit Gott treten. Und dann ist es bei mir so, dass an diesem schweren Tag auch Erleichterung Platz hat. Diesen befreienden Dialog der Beichte empfinde ich aber nicht nur deshalb als Erleichterung, weil ich Gott anvertrauen kann, was mir nicht gelungen ist, wo ich Fehler habe und Angst verspüre – und er mir diese Last von der Seele nimmt. Nein, er ist auch deshalb so befreiend, eben weil er ein Dialog ist. Da findet kein Einbahnstraßenfußball statt, es gibt keinen sich nur in eine Richtung ergießenden Wortschwall. Gott hat mir etwas zu sagen, wenn ich genau hinhöre. Und das klappt am Karfreitag oder in der Fastenzeit überhaupt meist erstaunlich gut.
Der Wille Gottes ist ja ansonsten, so geht es mir zumindest, eher schwierig zu entdecken, wenn wir ihn dann überhaupt jemals ausmachen. Und man kann ja auch nicht leugnen, dass es Gefahren birgt, wenn man glaubt, den vermeintlichen Willen Gottes zu kennen und daraus ein Handeln ableitet, das sich auf viele Menschen auswirkt – meist nicht zu deren Vorteil. Das zieht sich leider als negativer roter Faden durch die Menschheitsgeschichte, dass Staaten, Despoten und Fanatiker den vermeintlichen Willen Gottes für ihre persönlichen Zwecke missbrauchen.
Aber auf die Stimme Gotte zu hören kann meiner Meinung nach funktionieren, wenn ich für mich persönlich daraus Maßgaben für mein Handeln ableite – und dabei immer im Blick behalte, dass die Rechte und Gefühle anderer durch mein Handeln nicht verletzt werden. Wenn ich im Austausch mit Gott, was man genau so gut ja auch beten nennen kann, wobei das Wort in manch einem Ohr dann aber gleich schon wieder so feierlich und zugleich abstrakt klingt, wenn ich also im Austausch mit Gott zum Beispiel Hinweise darauf erhalte, dass meine Sprache zuletzt hier und da ein wenig rau, ruppig und mitunter verletzend gewesen ist, dann sehe ich Gottes Willen darin, mein Verhalten zu ändern und mich rücksichtsvoller anderen gegenüber auszudrücken. Dadurch, dass ich mir dessen bewusst werde, höre ich Gottes Stimme.
Und dann fühle ich irgendwann an diesem schweren Karfreitag auch Erleichterung und spüre: Jetzt bin ich bereit für Ostern. Für mich schimmert im Lauf des Karfreitags also irgendwann schon Ostern durch und ich bekomme eine Ahnung vom Auferstehungsfest.
Einer, der von sich am Ende seines Lebens gesagt hat, er sei bereit, war der kanadische Poet und Musiker Leonard Cohen. Der jüdische Sänger hat sich Zeit seines Lebens mit der ihm angeborenen Religion auseinandergesetzt, hat nicht selten auch mit Gott gerungen, denn in seinen Anfängen und als junger Mann war Leonard Cohen alles andere als lammfromm. Er war keiner, der kommentarlos und ohne zu hinterfragen alles so hingenommen hat, was ihm vorgesetzt wurde. Und in seiner Auseinandersetzung ist er nicht beim Judentum stehen geblieben, er hat sich intensiv auch mit dem Christentum beschäftigt und dies alles in seiner Musik, in seinen Texten verarbeitet.
In dem Lied „You want it darker“ von 2016 bringt Leonard Cohen zum Ausdruck, dass er sein Leben als Vorbereitung auf den einen Tag, den Tag, an dem er vor seinen Herrn tritt, begreift. Bezeichnenderweise ist das Album, das denselben Titel trägt, nur ganze 17 Tage vor seinem Tod erschienen.
In dem Song, in dem Leonard Cohen nun seinerseits in den direkten Dialog mit Gott tritt, wendet sich der Musiker voller Demut aber auch Wut und Verzweiflung an den Schöpfer. Er erkennt wie unglaublich groß der Kontrast zwischen ihm selbst und Gott ist, ja, wie unbegreiflich Gottes Wirken in unserer Welt ist, wenn er seinen Sohn auf schändlichste Weise zu Tode kommen lässt. Dabei begreift er sich selbst – und nicht nur sich selbst, sondern uns alle, weil er vom Wir spricht – als verlängerten Arm Gottes. Auch wenn wir es nicht begreifen, aber wenn Du willst, dass es dunkler wird, dann löschen wir die Flamme. Gott wollte, dass das Licht seines Sohnes erlischt, also sind wir Menschen dem nachgekommen, wir haben Gottes Willen ausgeführt, Jesus gekreuzigt.
Vom Ereignis der Kreuzigung geht Cohen weiter und transportiert das Geschehen von vor 2000 Jahren in unsere heutige Zeit. Er spricht davon, wie Soldaten Gefangene erschießen, morden und verstümmeln – und obendrein noch mit der vermeintlichen Erlaubnis Gottes. Weil er es eben noch dunkler will. Aber wie war das noch gleich mit dem Willen Gottes?
Ein Element, das dieser menschengemachten Finsternis begegnet, ist der abgesetzte und bisweilen himmlisch wirkende Zwischenruf des „Hineni, hineni – I’m ready, my Lord“, übersetzt: „Hineni, hineni – ich bin bereit, mein Herr“. Dieses „Hineni“ stammt aus dem Hebräischen und wird in der Bibel von Menschen verwendet, die ihre volle Hingabe – also mit Leib, Geist und Seele – Gott gegenüber bekunden wollen. Dieser Ausdruck kommt nicht leichthin über die Lippen, sondern im vollkommenen Bewusstsein absoluter Verpflichtung. Moses sagt das etwa vor dem brennenden Dornenbusch, Josef erklärt seine Bereitschaft Jakob gegenüber, als der ihm aufträgt, zu seinen Brüdern zu gehen. Aber es gibt nur eine einzige Geschichte in der Bibel, in der ein Mensch das ganze drei Mal sagt: in der Geschichte, in der Abraham Gott seinen Sohn Isaak opfern will – in der Bindung Isaaks. Abraham stellt sich also mit jedem einzelnen Ausspruch ganz in den Dienst Gottes – auch wenn er den Willen Gottes nicht versteht, ihn womöglich nicht nachvollziehen kann.
Und so geht es uns doch auch beinahe jeden Tag: Wir verstehen oft nicht, was Gott von uns will, begreifen nicht, warum er nicht eingreift, warum er Krieg und Leid geschehen lässt. Leonard Cohen ist genau so ein Mensch, er hadert, zweifelt, kämpft mit Gott. Aber er erkennt auch – und das wahrscheinlich mit dem eigenen Tod klar vor Augen: Ich begreife Gott einfach nicht. Alles, was ich tun kann, ist, mich ihm komplett hinzugeben. Mich seinem Wirken, seinem Willen anzuvertrauen. Und das bedeutet doch im Umkehrschluss: Im Tod ist Hoffnung.
Jesus selbst ist in der Bibel Mensch wie wir. Bei Markus (15, Vers 34) hören wir: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Hier spricht die Verzweiflung überdeutlich aus Jesu Worten. Und bei Lukas (23, Vers 46) heißt es dann: „Und Jesus rief mit lauter Stimme: ‚Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.‘“ Hier ist das ganze Spektrum menschlicher Reaktionen im Angesicht des Todes ausgedrückt: Wut, Zweifel, Verärgerung – aber auch Hoffnung und Vertrauen.
So weit die Bibel. Wenn wir an den Begriff der Vorbereitung zurückdenken, dann können wir uns im Zusammenhang mit Leonard Cohens eindrücklichem Lied noch einmal ganz deutlich vor Augen führen, dass letztlich auch unser ganzes Leben schon eine Vorbereitung auf den einen Tag ist – den letzten. Wo in unserem Leben Unverständnis und Widerwillen herrschen, können wir vielleicht auch jetzt schon probieren, uns ein wenig auf Gott zu verlassen. Und wie schön und tröstlich ist es dann, wenn wir trotz aller Widrigkeiten und Zweifel vertrauensvoll mit dem kanadischen Sänger sagen können: „Ich bin bereit, mein Herr.“
Münster am Karfreitag, 3. April 2026
Magnus Enxing




